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Eigenständige Jugendpolitik

"Jugendliche ins Blickfeld rücken" - Interview mit Prof. Dr. Birgit Reißig

(c) David Ausserhofer

Jugendliche heute haben viele Herausforderungen zu bewältigen. Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie für die Situation der Übergänge ins Erwachsenenalter und ins Berufsleben?

Das Jugendalter ist eine turbulente Zeit, in der viele Herausforderungen gemeistert werden müssen. Das gilt beispielsweise für Dinge wie den Aufbau von Peer- und Partnerbeziehungen, aber ebenso die Herausbildung beruflicher Zukunftspläne. Der Eintritt in eine berufliche Ausbildung bzw. ein Studium ist jedoch eine zentrale Anforderung an junge Menschen. Nach wie vor regulieren sich die Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe weitgehend über die Platzierung auf dem Erwerbsmarkt. Und eine erfolgreiche Ausbildung ist ein bedeutsamer Schutzfaktor vor Arbeitslosigkeit. Vor diesem Hintergrund investieren viele Jugendliche sehr stark in Bildung. Man kann feststellen, dass heute junge Menschen viel länger in Bildungsinstitutionen verbleiben als noch vor einigen Jahrzehnten. Viele verlassen die Schule mit einer Hochschulzugangsberechtigung (ca. 50%).

Allerdings ist es für sie immer schwieriger abzuschätzen, ob sich Bildungsinvestitionen tatsächlich auszahlen. Die Wege in die Erwerbsarbeit sind für Jugendliche und junge Erwachsene unübersichtlicher geworden. So beobachten wir teilweise ein Zusammenfließen ehemals abgegrenzter Phasen wie Jobben/Arbeit, Praktikum, Studium und Ausbildung. Sie greifen ineinander und die Abfolgen werden variabler.

Welche Chancen ergeben sich für Jugendliche aus diesen veränderten Bedingungen?

Junge Menschen haben eine größere Optionsvielfalt bei der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft und Lebensführung als die Generationen zuvor. Es zeigen sich allerdings auch Risiken, denn die produktive Nutzung der neu gewonnenen Wahlmöglichkeiten ist an eine gute individuelle wie familiäre Ressourcenausstattung gebunden. Diejenigen, die nicht über die entsprechenden Voraussetzungen verfügen (z.B. wegen ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft oder ihrer Bildungsbiografie), profitieren nicht von den gewonnenen Freiheitsgraden und sind in einigen Fällen gar von sozialer Exklusion bedroht.

Welchen Stellenwert haben Benachteiligungen und Ausgrenzungen aufgrund sozialer Faktoren?

Die erste PISA-Studie hat eine wichtige Zäsur zu Fragen von benachteiligenden Einflüssen auf Bildungs- und Übergangsverläufe gesetzt und aufgezeigt, wie stark der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft der Jugendlichen abhängt. Fragen sozialer Ungleichheit im Kontext von Bildung und Bildungsübergängen stehen seitdem verstärkt im Blickpunkt. Die Folge ist eine gestiegene Aufmerksamkeit von Politik und Forschung darauf, wie Benachteiligungen im schulischen Bildungssystem und dem weiteren Ausbildungs- und Erwerbsverlauf verringert werden können.

Der seit 2006 alle zwei Jahre veröffentlichte Nationale Bildungsbericht weist regelmäßig aus, dass sich fehlende und niedrige Schulabschlüsse sowie die ethnische Herkunft besonders negativ auf einen zügigen Übergang in die Berufsausbildung auswirken. Zudem existieren große regionale Unterschiede, beispielsweise in der Angebotsstruktur von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die Übergangswege beeinflussen.

Wie kann Chancengerechtigkeit befördert werden?

Mindestens zwei Ansatzpunkte spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Verringerung ungleicher Chancen am Übergang Schule – Beruf geht. Der erste Punkt betrifft die allgemeinbildende Schule selbst. Zwar ist die Anzahl der Jugendlichen mit einer Hochschulzugangsberechtigung in den letzten Jahren stark gestiegen, auf der anderen Seite verlässt immer noch ein großer Teil die Schule ohne (vor allem Förderschüler/innen) oder lediglich mit einem niedrigen Abschluss. Gemeinsames Lernen, das entsprechend gut flankiert ist, könnte hier unterstützend wirken. Der zweite Ansatzpunkt betrifft Angebote und Maßnahmen, die helfen sollen, Jugendlichen den Zugang zur Ausbildung zu ermöglichen. Diese Angebote werden unter dem Begriff des Übergangssystems subsumiert. Nicht selten werden die Zwischenschritte, die Jugendliche dort verbringen als Nachteil gewertet, setzen ein negatives Signal. Unsere Studien haben jedoch ergeben, dass ein wesentlicher Teil die Angebote gezielt nutzt, um Schulabschlüsse nachzuholen oder zu verbessern. Sind die Schritte im Übergangssystem sinnvoll auf die Bedarfe der Jugendlichen abgestimmt und verlieren sich nicht in Endlosschleifen, können diese Angebote unterstützend wirken. Ist das nicht der Fall besteht jedoch die Gefahr einer wachsenden Abkehr vom Ausbildungsmarkt.   

Sie haben zur sozialen und beruflichen Integration Jugendlicher geforscht und beschreiben in Ihren Studienerkenntnissen, dass Benachteiligungen durch eine ressortübergreifende Jugendpolitik angegangen werden müssen. Was müsste aus Ihrer Sicht am dringendsten geschehen/ welche Schritte müssten zuerst gegangen werden und von wem?

Alle Befunde weisen darauf hin, dass es auch in absehbarer Zeit eine Reihe von Jugendlichen geben wird, die nicht direkt eine Ausbildung anfangen, sondern Zwischenschritte gehen müssen. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Anzahl neu zugewanderter gerade junger Menschen wird dies noch einmal unterstrichen. Ein vertiefter und kritischer Blick auf Initiativen innerhalb der Schule (v.a. Berufsorientierungs- und Übergangsbegleitprozesse) sowie auf die Angebote des Übergangssystems ist also nach wie vor angebracht. Beobachtbar ist, dass wir es im Bereich der Gestaltung des Übergangs Schule – Beruf mit einer teilweise unübersichtlichen Anzahl von Angeboten und Maßnahmen sowie von Verantwortlichkeiten zu tun haben. Diese Erkenntnis hat schon in den letzten Jahren dazu geführt, dass Abstimmungsprozessen und dem Aufbau entsprechender Strukturen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dabei sind vor allem die Kommunen und Landkreise als Orte, an denen junge Menschen leben, sich bilden und auch Übergangsprozesse gestaltet werden, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Begriffe wie lokales/regionales Übergangsmanagement oder kommunales Bildungsmanagement verdeutlichen dies. Es wird weiterhin darauf ankommen, dass die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure (u.a. Schulen, Arbeitsagenturen, Jobcenter, Jugendhilfe/Jugendsozialarbeit) gestärkt und kommunal koordiniert wird.

Welche Rolle nimmt die Jugendpolitik dabei ein?

Jugendpolitik kann darauf hinwirken, dass tatsächlich die Jugendlichen ins Zentrum gerückt werden und dass denen, die besondere Unterstützung benötigen, diese auch zuteilwird.

Gleichzeitig ist es auch eine Aufgabe der Jugendpolitik, die Belange von Jugendlichen auf allen Entscheidungsebenen zu stärken, neben der kommunalen Ebene auch die Landes- und Bundesebene. Auch hierbei spielt die ressortübergreifende Arbeit eine wichtige Rolle.

Es lohnt sich darüber hinaus auch immer wieder auf die Erfahrungen in anderen europäischen Ländern zu schauen. Wie gestalten insbesondere jene Länder den Übergang Schule – Beruf, die vergleichbare Übergangsregimes aufweisen (z.B. Schweiz, Dänemark, Österreich)? Lassen sich Vorgehensweisen, zunächst modellhaft, auch in Deutschland einführen?

Ein weiterer Punkt besteht darin, unterstützende Maßnahmen stärker partizipativ, also gemeinsam mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, zu gestalten. Dies ins Blickfeld zu rücken, kann vor allem der Jugendpolitik besonders gut gelingen.

Jugendliche, die in Deutschland obdachlos sind, leben unter besonders prekären Umständen. Im Innovationsfonds wurden verschiedene Ansätze aus der Jugendsozialarbeit gefördert, welche sind aus ihrer Sicht zielführend und weiterzuempfehlen?   

Eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) schätzt, dass es in Deutschland ca. 37.000 junge Menschen bis 26 Jahren gibt, die entweder wohnungslos oder gar obdachlos sind. Damit handelt es sich um keine zu vernachlässigende Größe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die unter sehr schwierigen Bedingungen aufwachsen. Bei dieser Gruppe sprechen wir von Straßenjugendlichen, sie benötigen in besonderem Maß die Unterstützung durch die Jugendsozialarbeit. Der Innovationsfonds hat sich in seinem Bereich der Jugendsozialarbeit dieser Gruppe angenommen und in vier Modellprojekten Ansätze erprobt, die den Jugendlichen Wege in ein normales Leben, u.a. in Schulbildung, Ausbildung und Arbeit, ebnen sollten. Ein Schwerpunkt der Arbeit der Projekte lag auf kreativen Ansätzen wie Theaterarbeit oder Modedesign. Auch ein schul- und arbeitsweltbezogenes Projekt erprobte neue, innovative Ansätze. Die durch das DJI durchgeführte wissenschaftliche Begleitung hat gezeigt, dass für das Auffinden, Ansprechen und den Vertrauensaufbau niedrigschwellige Angebote besonders wichtig sind. Zudem stellte sich heraus, dass kreative Projekte gut geeignet sind, junge Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Hier entdecken sie positive Handlungskompetenzen wieder, finden eine Absicherung ihrer Grundbedürfnisse und haben den Raum und die Zeit, um sich freiwillig mit ihrer Zukunft und mit beruflichen Perspektiven auseinanderzusetzten.

Nun läuft bereits die dritte Förderphase des Innovationsfonds. Was ist neu?

Die Modellprojekte der vergangenen Förderphase waren speziell auf Minderjährige zugeschnitten. Auch wenn dies die Möglichkeit eines gewissen Schutzraums für diese Jugendlichen bedeutete, wissen wir aus unseren und weiteren Studien, dass der Übertritt in die Volljährigkeit, gerade für Straßenjugendliche, einen neuralgischen Punkt darstellt. In dieser Altersgruppe steigt die Zahl der wohnungs- und obdachlosen Jugendlichen noch einmal sprunghaft an, u.a. weil vertraute Hilfestrukturen wegbrechen. Auch aus dieser Erfahrung heraus richten sich die Projekte der aktuellen Förderphase des Innovationsfonds sowohl an minder- als auch volljährige junge Menschen. 

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