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Eigenständige Jugendpolitik

Chancengerechtigkeit – Chancengleichheit – Chancenvielfalt?

(c) Janine Ponzer

Die Jugendstrategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ nimmt in vier verschiedenen Handlungsfeldern (jugend-)politische Themen und Bedarfe in den Blick. Neben der Stärkung von Jugendbeteiligung, Freiräumen und vielfältigen Jugendbildern verfolgt sie auch das Ziel, gesellschaftliche Perspektiven und soziale Teilhabe für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu ermöglichen. Auf dem Weg zu einer jugendgerechten Gesellschaft ist es zentral, die Interessen Jugendlicher unabhängig von ihrem Hintergrund zu kennen und diese Vielfalt bei allen Gestaltungsprozessen zu berücksichtigen. Der gesamten Jugend gerecht werden – dieser Anspruch lenkt den Blick auf Gerechtigkeit als gesamtgesellschaftliche Maxime.

Was ist gerecht?

Der Gerechtigkeitsbegriff findet sich derzeit prominent in der öffentlichen Debatte: Im Bundestagswahlkampf 2017 spielt soziale Gerechtigkeit eine große Rolle. Was ist sozial? Was ist gerecht? Die politischen Parteien stellen verschiedene Aspekte des Begriffs in den Fokus ihrer Diskussionen. SPIEGEL ONLINE hat hierzu bei den Parteien nachgefragt und folgende Antworten erhalten: „Gerecht ist […] wenn niemand bei Lebensrisiken im Stich gelassen wird, aber ansonsten Fleiß und Talent Unterschiede begründen dürfen“, „Gerecht ist: Gleiche Chancen für alle, deshalb kostenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni“ oder „Vor dem Verteilen kommt das Erwirtschaften. Daher ist soziale Gerechtigkeit nur mit Innovation und Wettbewerbsfähigkeit möglich“ bis zu „Sozial gerecht ist, was den sozialen Frieden bewahrt“. Im Begriff der sozialen Gerechtigkeit scheinen sich also mehrere Konzepte zu begegnen, die sich teilweise ergänzen, aber die auch im Widerspruch zueinander stehen können.[1] Im Kern geht es um Bildung, um Leistung, um Einkommensverteilung, um Wettbewerb, um Frieden, und implizit um den Wunsch, ein gutes Leben führen zu können. Doch warum ist das Thema ausgerechnet 2017 so wichtig, in einem Jahr, in dem es – so die Statistiken – der Bevölkerung Deutschlands so gut geht wie noch nie?[2] 70 Prozent der Deutschen glauben, die Kluft zwischen Arm und Reich sei größer geworden, gerade einmal 14 Prozent haben das Gefühl, in einer gerechten Gesellschaft zu leben.[3] Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie schon lange nicht mehr, die Kaufkraft ist gestiegen und die deutsche Wirtschaft wächst.[4] Blickt man aber auf die Lebenslagen junger Menschen und ihre Chancen auf ein gutes, gesundes und glückliches Leben, zeigt sich ein anderes Bild: Der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (15. KJB) stellt zwar fest, dass die Jugendarbeitslosigkeit den niedrigsten Stand seit Jahren erreicht habe (S. 51) und heutzutage mehr Jugendliche über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügen als vorige Generationen (S. 192), junge Menschen aber insgesamt einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt seien: Etwa ein Fünftel der 14- bis 19-Jährigen und etwa ein Viertel der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland gelten als arm, etwa 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben in Familien, die Hartz IV beziehen.[5]

Faktoren für Chancengerechtigkeit erkennen

In der Fachwelt wird als Grund für diese Misere die Problematik benannt, dass in Deutschland wie in keinem anderen Land die soziale Herkunft über den Bildungserfolg entscheide, der dann wiederum als die Weichenstellung für das weitere Leben gelte (vgl. SHELL-Studie 2015, S. 14). Die Barrieren, die junge Menschen überwinden müssen, um überhaupt erst gelingende Bildungserfahrungen zu machen, sind dabei jedoch (leider) sehr vielfältig: Beziehen ihre Eltern Hartz IV, sind Geringverdiener oder ‚Aufstocker‘? Kommen sie aus einer Familie mit migrantischen Wurzeln? Haben sie eine Behinderung? Haben ihre Eltern einen Bildungsaufstieg gemeistert? Ist ein Elternteil alleinerziehend? Erhalten Jugendliche Unterstützung von Lehrerinnen und Lehrern, von sozialpädagogischem Personal, entweder in der Schule, der Ganztagsbetreuung oder der außerschulischen Jugendbildung? Wer ermöglicht ihnen vielfältige Bildungserfahrungen (z.B. durch Museumsbesuche, einen Bibliotheksausweis, aber auch Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband etc.), die sie dazu inspirieren, den eigenen Weg mutig zu verfolgen? Bildungserfolg ist aber auch davon abhängig, ob der/die Lernende an die eigene Selbstwirksamkeit glauben. Ohne vorurteilsfreien Rückhalt und Unterstützung durch das Lehrpersonal sinkt bei jungen Menschen die Motivation, berufliche Interessen zu verfolgen, sich am Unterricht zu beteiligen und positiv gestimmt in ihre Zukunft zu blicken.[6] Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Mädchen schneiden schulisch besser ab und beenden die Schule seltener ohne Schulabschluss als Jungen – aber langfristig haben Männer immer noch bessere Zugangschancen zu gut bezahlten Jobs mit höheren Aufstiegsmöglichkeiten als Frauen.[7] Insbesondere in Übergangssituationen zwischen Schule und Ausbildung oder Studium, in denen Jugendliche einerseits nach Selbstständigkeit streben, andererseits aber auch noch häufig finanziell vom Haushaltseinkommen ihrer Eltern abhängig sind, zeigt sich die Ungleichheit unter jungen Menschen eindringlich: So ist es nach wie vor weniger wahrscheinlich für ein Kind aus einem nicht-akademischen Haushalt ein Studium aufzunehmen, da mit einem Wohnortwechsel, einer eigenen Wohnung oder einem WG-Zimmer und der Versorgung außerhalb der Familie enorme Kosten verbunden sind; so sammeln seit 2013 Twitter-User unter dem Hashtag #nudelnmitketchup ihre Armutserfahrungen als Studierende oder Auszubildende – wenn nämlich in diesen Qualifikationsphasen am Ende des Monats das Geld nur noch für besagte Nudeln mit Ketchup reichte.[8] Zudem erleben Kinder aus nicht-akademischen Familien auch seltener die positive Selbstwirksamkeit eines höheren Bildungsabschlusses – kurz: Es fehlt auch an Vorbildern und an verlässlichen Partnern und Hilfen.

Arm = bildungsfern = ausgeschlossen?

Prekäre Lebenskonstellationen gehen oft mit Armutslagen einher – und dies bedeutet zuletzt nicht nur eine materielle Unterversorgung, sondern auch ein Mangel an Möglichkeiten zu gesellschaftlicher Teilhabe: „Noch immer entscheidet die familiäre und regionale Herkunft, der soziale Status, die ethnische und nationale Zugehörigkeit, das Geschlecht, aber auch die körperliche Verfasstheit über die Verteilung der sozialen Teilhabechancen und die Ermöglichung von Jugend“, so formuliert es der 15. Kinder- und Jugendbericht.[9] Im Sportverein Mitglied zu sein und dort neben körperlichem auch soziales Kompetenztraining zu erfahren, mit dabei zu sein auf Klassenfahrt oder auf Ferienfreizeit und dort Gemeinschaft zu erleben, aber auch in sich verändernden Lebenssituationen oder sozialen Konfliktsituationen professionelle Unterstützung zu erhalten – das alles sind eindrückliche Beispiele, wie Menschen als Teil der Gesellschaft, als politische Wesen und als Menschen in einer Orientierungsphase wahr- und ernstgenommen werden. Die Maßnahmen, die sozialpolitisch ergriffen werden müssen, um Teilhabegerechtigkeit zu schaffen, sind vielfältig und reichen weit in alle Lebensbereiche der Jugendlichen und auch ihrer Eltern hinein.
Eigenständige Jugendpolitik aus den Interessen und Bedürfnissen Jugendlicher heraus muss auch deshalb ressortübergreifend sein, um die vielfachen Verbindungen und Verknüpfungen von Problemlagen gezielt angreifen und viele junge Menschen erreichen zu können. Verbesserte Zugänge zum Internet, Zugänge zu guter Gesundheitsversorgung und zu bezahlbarem Wohnraum – bei diesen Maßnahmen ist nicht allein die Jugendhilfe oder das Jugendministerium gefragt. Nicht zuletzt macht die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ darauf aufmerksam, dass Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich von Ungleichheit leisten, sondern auch „dazu beitragen, soziale Ungleichheitsstrukturen zu reproduzieren, statt sie abzumildern“.[10] Stehen jungen Menschen unabhängig von ihrem Wohnort ähnliche Hilfs- und Unterstützungsangebote zur Verfügung? Und welchen Einfluss hat die Soziale Arbeit, Unterschiede zwischen Menschen zu zementieren statt aufzulösen, zum Beispiel durch bestimmte Normvorstellungen oder Vielfaltskonzepte?[11]

Gerechtigkeit – für wen und weshalb?

Dass es unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, was gerecht oder ungerecht ist, liegt in der Natur der Sache und in der Perspektive der jeweiligen Person oder Bevölkerungsgruppe. Ungleichheiten sind auch nicht für alle gleichermaßen ungerecht und häufig profitieren die einen von der Ungleichheit eines Systems, während den anderen dadurch der Zugang zu einem erfüllten Leben versperrt wird. Junge Menschen sind nicht nur tatsächlich besonders von Ungleichheit betroffen, es fehlt ihnen zudem eine starke Lobby, die die langfristigen Wirkungen von Armut und Benachteiligung in den Blick nimmt. Kindheit und Jugend sollten nicht durch Leistung und Bewertungen gekennzeichnet sein, sondern vielmehr sollten junge Menschen in ihrer individuellen Lebensgestaltung unterstützt werden, sodass eben nicht mehr die Herkunft der Eltern und deren Lebenssituation darüber entscheidet, welche Talente in einem jungen Menschen entdeckt werden können und welche weiterhin und für immer verborgen bleiben. Die verschiedenen Auffassungen von sozialer Gerechtigkeit offenbaren zudem eine weitere Problematik: Wenn Chancengerechtigkeit Leistungsgerechtigkeit bedeutet – wer beurteilt dann, wer wie viel leistet und wie er dafür mit Chance belohnt wird? Wer entscheidet, wie „Fleiß und Talent“ vergütet werden – und vor allen Dingen: Wie sollen diese Tugenden in vergleichbaren Zahlen erfasst werden? Leistungsgerechtigkeit als Prinzip greift deshalb nicht dort, wo die Bildungsforschung das Potential sieht, die Chancen auf Bildung und damit auf ein gelingendes Leben zu erhöhen und sperrt sich gegen inklusive Ansätze und ein ganzheitliches Menschenbild – und auch ein Bild von Jugend als eigenständiger Lebensphase. Wo Bewertung, Beschleunigung, Verdichtung, Institutionalisierung und Verschulung als Säulen einer sogenannten Leistungsgesellschaft etabliert werden, ist für jene junge Menschen, die bildungsbenachteiligt sind, nur wenig Platz oder Perspektive, ein eigenständiges Leben zu führen.

Fest steht: Sozialer Gerechtigkeit muss Chancen- und Teilhabegerechtigkeit vorausgehen, muss sie begleiten und flankieren, denn nur, wenn der/die Einzelne dazu befähigt wird, seine/ihre individuellen Lebensziele überhaupt erst entwickeln, anpeilen und verwirklichen zu können – dann erst kann Jugend zu der Lebensphase werden, wie sie von vielen jungen Menschen gewünscht wird: ein Freiraum für große Ideen und eine gute Zukunft.

 

[1] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/soziale-gerechtigkeit-was-union-spd-fdp-gruene-linke-und-afd-unter-sozialer-gerechtigkeit-verstehen-a-1159573.html

[2] http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138445/soziale-gerechtigkeit?p=all

[3] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundestagswahl-2017-so-viel-umverteilung-gibt-es-in-deutschland-a-1158799.html

[4] http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-06/wirtschaftswachstum-ueberhitzung-investitionen

[5] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-05/hartz-iv-kinderarmut-deutschland-bundesagentur-fuer-arbeit

[6] Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Ergebnisse aus der Forschung, hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (2016), S. 60f; siehe auch die Studie des Berliner Institutes für empirische Integrations- und Migrationsforschung „Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können.“, online abrufbar unter https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2017/07/SVR_FB_Vielfalt_im_Klassenzimmer.pdf.

[7] Chancengerechtigkeit und Teilhabe, S. 49.

[8] http://www.jetzt.de/hashtag/die-nudelrevolte-578256

[9] 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017), S. 465.

[10] „Armut nicht vererben – Bildungschancen verwirklichen – soziale Ungleichheit abbauen! Fünfter Armuts- und Reichtumsbericht: Konsequenzen und Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe.“ Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ (2017), S. 24, online verfügbar unter https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2017/Armut_nicht_vererben.pdf

[11] Andrea Nachtigall: Die (sozial-)pädagogische Praxis zwischen Diversity und Intersektionalität – wechselnde Perspektiven auf Vielfalt, Diskriminierung und Teilhabe, in: Fachzeitschrift der Aktion Jugendschutz, Nr. 1, 53. Jahrgang, April 2017, S. 4-11.

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