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Eigenständige Jugendpolitik

Gelungene Freiräume: Interview mit Peter Kamp (BKJ) und Nils Neuber (dsj)

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Was macht "gute" und gelingende Freiräume aus? Wie können Pädagoginnen und Pädagogen die Bildung von echten und unverzweckten Freiräumen für junge Menschen unterstützen? Im Interview beziehen Peter Kamp (BKJ) und Prof. Dr. Nils Neuber (dsj) aus fachpolitischer Sicht Stellung zu einem Thema, das gerade in der Kinder- und Jugendhilfe heiß diskutiert wird. Peter Kamp ist Geschäftsführer beim Landesverband LKD der Jugendkunstschulen in Nordrhein-Westfalen und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), Prof. Dr. Nils Neuber ist Professor für Bildung und Unterricht im Sport an der WWU Münster und Sprecher des Forschungsverbundes der Deutschen Sportjugend (dsj).

Welche Elemente machen Freiräume in der Praxis aus? Woran erkennt man einen „gelungenen“ Freiraum?

Peter Kamp: Freiraum kann ein Ort, eine Nische, eine Zeitoase sein, steht aber auch für die Vielzahl der Türen und Fenster im Bildungsgeschehen. Politisch markiert der Freiraum den utopischen Horizont eigenständiger Jugendpolitik, also das nicht zu Vereinnahmende. Schon Humboldt fordert neben der Freiheit als unerlässlicher Bedingung zur Bildung eine „Mannigfaltigkeit der Situationen“. Gelungen ist der Freiraum, wenn er die Grundprinzipien der Jugendarbeit beherzigt. Hierzu gehören Offenheit, Verlässlichkeit und Schutz vor Interventionen, Transparenz, Teilhabe, Freiwilligkeit, Stärkenorientierung, Flow, Selbstwirksamkeit und vor allem: das Fehlen von Sanktionen.

Nils Neuber: Freiräume fragen nicht nach der Bedeutung des Handelns für die Zukunft, wie es klassische Erziehungsarrangements tun. Freiräume fokussieren die gegenwartsorientierte Entfaltung junger Menschen im Hier und Jetzt. Sie verfolgen damit keine unmittelbaren pädagogischen Ziele, was nicht bedeutet, dass man in ihnen nichts lernen kann. Im Gegenteil – gerade weil kein klassisches pädagogisches Setting vorliegt, engagieren sich junge Leute in Freiräumen oft sehr, sei es in politischen oder kulturellen Feldern oder auch im Sport. Einen „gelungenen“ Freiraum erkennt man also daran, dass die Tätigkeit zweckfrei ist – was nicht zu verwechseln ist mit zwecklos.

Wie lässt sich in der Jugendarbeit der Widerspruch zwischen pädagogischer Begleitung und nicht verzweckten Freiräumen auflösen?

Kamp: Konzeptionell, indem wir der Versuchung widerstehen, anregungsreiche Milieus oder Kontexte als Reservate auszugestalten. Also die Offenheit muss echt sein. Methodisch, indem wir dafür Sorge tragen, dass Gestaltungsgrenzen wechselseitig respektiert werden (also etwa als aktive Medienkompetenz anstelle passiven Medienschutzes; auch Graffiti ist hier ein komplexes Feld). Pädagogisch-handwerklich schließlich, indem wir uns als Praktiker*innen glaubwürdig, authentisch und ehrlich in der Kunst der Zurückhaltung üben, vor allem im Peerbezug und im Respekt vor der unverhandelbaren Selbstbildung. Mit einem Satz: Begleitung darf nicht gängeln wollen.

Neuber: Indem man die Idee unterschiedlicher Bildungsmodalitäten ernstnimmt: Formale und non-formale Bildungsprozesse bedürfen der Anleitung und Strukturierung, informelle Bildungsprozesse ereignen sich dagegen „einfach so“. Wir können sie bestenfalls rahmen, bspw. durch die Gestaltung von Bewegungsräumen, die Jugendliche sich selbsttätig aneignen. Für die pädagogische Arbeit bedeutet das, weniger auf die aktive Beeinflussung als vielmehr auf das Zu-Lassen von Aktivitäten Heranwachsender zu setzen, auch wenn sie womöglich aus einer Erwachsenenperspektive nicht immer sinnvoll erscheinen.

Welche Elemente von Freiräumen, die der Sport bzw. die kulturelle Bildung bieten, würden Sie auch der Jugendarbeit als Ganzes zur Nachahmung empfehlen?

Neuber: Der Sport gilt mit Jürgen Zinnecker als „jugendspezifische Altersnorm“, d.h. sportliche Aktivitäten gehören für die allermeisten jungen Menschen zum Aufwachsen dazu. Das sollten wir anerkennen und entsprechende Angebote nicht nur in Sportvereinen, sondern auch in Jugendeinrichtungen und (Ganztags-)Schulen und nicht zuletzt auch in der Sozialraumgestaltung einräumen. Sportliches Engagement ist zumeist mit einem hohen Maß an Identifikation und Begeisterung verbunden, das auch auf andere Felder abstrahlt, z.B. auf die Partizipation und Integration junger Menschen in der Gesellschaft. Nicht zuletzt ist der Sport über seine Körperlichkeit eng mit Identitätsbildungsprozessen Heranwachsender verbunden. Dieses Potenzial kann man auch in anderen Feldern der Jugendarbeit nutzen.

Kamp: Ich glaube eher, dass sich die Jugendarbeit insgesamt in all ihrer Vielfalt im Ringen um Freiräume neue Kooperations- und Gestaltungschancen erschließen kann und muss. Wo die eine ‚näher dran‘ ist, mag ein anderer methodisch versierter sein. Kulturelle Bildung ist per se diversitätssensibel. Auf Akteursseite wären Haltung und Geduld wichtig, Wartenkönnen, Scheiterndürfen, aber auch Aushalten von Ungewissheit, Offenheit für Konflikte und Lust am Überraschtwerden. Ein Bildungsforscher hat einmal gesagt, kulturelle Jugendbildung schaffe elementare Voraussetzungen zur Teilhabebefähigung, sie wirke nicht direkt auf politische Ziele hin, sondern arbeite „im Vorfeld des Vorfelds“. In diesem Sinne versteht sich unser BKJ-Slogan „Kreatives wachsen lassen!“ als klarer Appell gegen übertriebene Ungeduld.

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