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Wie viel Europa steckt in „Jugendgerechtigkeit“?

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„Eine rein nationalstaatliche Ausrichtung Eigenständiger Jugendpolitik kann keine zukunftsfähigen Lösungen bieten“ heißt es in der Beschreibung der Aufgaben der Jugendstrategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“. Aber wie können europäische Themen, Lernmobilität und internationales „Voneinander Lernen“ mit den Bestrebungen von Kommunen verbunden werden, sich jugendgerecht aufzustellen? Dazu haben wir Iris Wibbeler vom Jugendamt des Kreises Steinfurt befragt, der als Referenzkommune in der Jugendstrategie "Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft" mitarbeitet. Tetiana Katsbert und Jochen Schell vom YEPP International Ressource Centre in Berlin gaben uns Auskunft über ein europäisches Projekt verschiedener Kommunen, die Jugendbeteiligung zu einem Schwerpunkt ihres Handelns machen und damit ebenfalls auf mehr „Jugendgerechtigkeit“ abzielen.

Der Kreis Steinfurt setzt als Referenzkommune gezielt europäische Impulse ein, um die Gemeinden im Kreis voran zu bringen: „Wir möchten das Kirchturmdenken der Jugendlichen im Kreis Steinfurt verändern“ erläutert Iris Wibbeler. „Um das zu erreichen setzen wir europäisch ausgerichtete Aktivitäten ein (z.B. EVS, Ewoca³, multilaterale Jugendbegegnungen) und bringen Jugendliche ins europäische Ausland. Von diesen Lernerfahrungen, die die Jugendlichen bei Jugendbegegnungen oder in Workcamps sammeln, profitiert dann auch der Kreis Steinfurt“. Kommunen, die sich europäisch vernetzt haben, bilden auch das Rückgrat des YEPP Community Netzwerks. Seit über 15 Jahren arbeiten hier europäische Kommunen aus derzeit zwölf europäischen Ländern zusammen, um über den YEPP-Ansatz des Jugend- und Community Empowerments vor allem die Situation sozial benachteiligter Jugendlicher in ihren Gemeinden zu verbessern. Dabei unterscheiden sich die konkreten Strategien vor Ort erheblich, wie Jochen Schell ausführt: „In Dublin haben Jugendliche eine gemeinsame Plattform des Dialoges entwickelt zwischen Jugendlichen aus einem sozial benachteiligten Bezirk der Stadt und Polizeibeamten um Spannungen und Konflikte abzubauen; in Italien haben mehrere Gemeinden Bürgerhäuser aufgebaut, die von Jugendlichen (mit)gestaltet werden; in Bosnien & Herzegowina haben Jugendliche in Zusammenarbeit mit dem Erziehungsministerium und einer lokalen Gemeinschaftsstiftung ein generationsübergreifendes Zentrum für Schulung und Weiterbildung errichtet“. Die verschiedenen Ansätze um Jugendgerechtigkeit in den Kommunen weiter zu stärken, korrespondieren also (wie im übrigen auch in Deutschland) mit den konkreten Bedürfnissen und Möglichkeiten vor Ort.

Ausgangspunkt sind, hier wie dort, die im Ort lebenden jungen Menschen. Wie können sie bessere Entwicklungsmöglichkeiten bekommen, wie können Ausgrenzung und erschwerte Zugänge zu Bildung, Arbeit und Freizeitangeboten vermieden werden, wie können sie bessere Mitsprachemöglichkeiten bekommen? „Es geht darum, sich untereinander zu vernetzen und sich auszutauschen. Menschen zu finden, die sich mit den gleichen Fragen im Leben beschäftigen: Wo werde ich später leben? Was für einen Beruf werde ich haben? Wie stelle ich mir Familie vor? Wie kann ich mich zu Themen, die mir wichtig sind, engagieren? Wo finde ich Mitstreiter? Wo und wie verschaffe ich mir Gehör?“. Für Iris Wibbeler sind auf diese Weise die Themen der jugendgerechten Kommune mit europäischen Themen verbunden. Jugendbeteiligung steht dabei auch bei den YEPP-Kommunen im Zentrum, wie Jochen Schell betont: „In unserem Projekt ‚Dream Machine‘ ging es darum, die Jugendlichen mit lokalen Akteuren in der Kommune sowie Vertretern der Kommunalverwaltung, Schulen, NGOs, Vereine, Jugendhilfe, Unternehmern, Medien und Zivilgesellschaft an einen Tisch zu bringen, um nachhaltige Projekte für die Kommune zu entwickeln. Dabei war eines der zentralen Merkmale und Gelingensbedingungen, dass die Jugendlichen von Anfang an das Mitentscheidungsrecht bei den Projekten hatten und dass die Projektideen die Interessen und Wünsche der Jugendlichen widerspiegelten. Zur gleichen Zeit hatten sie aber auch die Aufgabe, Projekte zu entwickeln, die zur Entwicklung der ganzen Kommune beitragen und nicht nur ausschließlich Jugendlichen zu Gute kommen. Sektorenübergreifende Partnerschaften standen im Mittelpunkt“.

Ist damit der Begriff ‚jugendgerecht‘ auch in anderen Ländern ein Thema? Tetiana Katsbert vergleicht verschiedene Ansätze: „Mein Eindruck ist, dass das Thema ‚jugendgerechte Kommunen’ relativ neu für Europa ist. Ich kenne mehr Beispiele für die Kinderorientierung der Kommunen bzw. Städte , wie z.B. kinderfreundliche Kommunen mit ‚Child in the City‘ (www.childinthecity.eu) oder ‚Kinderfreundliche Städte’ von UNICEF (http://childfriendlycities.org)“. Die Ausrichtung auf die eigenständige Jugendpolitik kann die Kommunen bereichern, genauso wie die Jugendlichen".

Dabei kommt dem Austausch zwischen Fachkräften und jugendpolitisch Verantwortlichen eine entscheidende Rolle zu: was können sie von den Beispielen aus anderen Ländern in ihrer Kommune übernehmen und wie können sie auch für Träger und Jugendliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner sein, wenn es um Fragen von grenzüberschreitender Lernmobilität oder um Jugendaustausch geht? Und das Ganze unter den bei vielen Kommunen bekannten Bedingungen von knappen Kassen, Überlastung der Fachkräfte und anderer Herausforderungen, die sich auf der Prioritätenliste nach oben schieben. Wir haben Iris Wibbeler gefragt, welche Impulse sie sich von einem grenzüberschreitenden Fachaustausch mit europäischen Kommunen für die eigene jugendpolitische Entwicklung im Landkreis erhofft: „Im Kreis Steinfurt gibt es keinen regelmäßigen Austausch mit europäischen Kommunen, dafür aber mit Fachkräften aus diversen europäischen Nachbarländern. Uns ist es wichtig, den Fachkräften aus der Kinder- und Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit im Kreis Steinfurt zu vermitteln, dass Demokratie und Beteiligung zu einem gelingenden und selbstbestimmten Leben überall auf der Welt dazu gehören und dass Jugendliche bei jeder Gelegenheit zu beteiligen sind! Und es ist uns wichtig, die Möglichkeit zu bieten, durch Fachkräfteaustausche andere Länder kennen zu lernen und sich mit den Kolleginnen und Kollegen, sowie mit den jungen Leuten vor Ort über aktuelle Themen auszutauschen: Wie sieht ‚aufwachsen‘ bei euch aus? Was beschäftigt euch im Alltag? Werdet ihr nach eurer Meinung gefragt?“.

Der Austausch zwischen unterschiedlichen Akteuren ist auch der Mehrwert, den Jochen Schell sieht: „Bei unseren Treffen kommen nicht nur Jugendliche zusammen, sondern auch Politiker und Vertreter lokaler Kommunalverwaltungen. Auch wenn die lokalen Realitäten in verschiedenen Ländern oft sehr unterschiedlich sind, stellen sie fest, dass es viele Schnittmengen gibt. Der Austausch, wenn es um Erfahrung mit jugendpolitischen Ansätzen und Prozessen im Bereich Partizipation, Bildung und Integration in den Arbeitsmarkt geht, sind meistens sehr bereichernd und geben den Teilnehmern unserer Treffen positive Impulse für ihre lokale Arbeit“. Das bekräftigt auch Iris Wibbeler: „Für uns ist Stillstand ein Rückschritt. Deswegen nehmen wir die vielseitigen Angebote gerne an und beteiligen uns an vielen Projekten. Dies sichert uns den regelmäßigen Austausch mit Fachkräften und die ständige qualitative Weiterentwicklung unserer Arbeit“.

Autor: Hans Brandner (Service- und Transferstelle Europäische Jugendstrategie)

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