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Drei Jahre "Jugendgerechte Kommune" - die Akteure im Interview

Sven Hülskötter, Anja Greiner-Stöffele, Martina Weise-Watzek, Patrick Bessler

Der Peer-Learning-Prozess wurde von Jugendlichen, Fachkräften aus der Jugendarbeit und Verantwortlichen aus Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung gemeinsam getragen und gestaltet. Was ist seit 2015 passiert und wie geht es weiter? Im Interview mit Sven Hülskötter (Jugendlicher aus dem Kreis Steinfurt), Patrick Bessler (Sozialpädagoge bei der Stadt Dreieich) und Martina Weise-Watzek und Anja Greiner-Stöffele (Jugendamt des Landkreises Sömmerda) berichten diese vier am Prozess „Jugendgerechte Kommune“ beteiligten Akteurinnen und Akteure von ihren Erfahrungen.

Sven Hülskötter
Sven Hülskötter (Referenzkommune Kreis Steinfurt)

Anja Greiner-Stöffele
Anja Greiner-Stöffele (Referenzkommune Landkreis Sömmerda)

Patrick Bessler
Patrick Bessler (Referenzkommune Dreieich)

Martina Weise-Watzek
Martina Weise-Watzek (Referenzkommune Landkreis Sömmerda)

Wenn Sie nun auf die drei Jahre im Prozess Jugendgerechte Kommune zurückblicken – ist Ihre Kommune jugendgerechter geworden?

Sven Hülskötter: Im Kreis Steinfurt ist viel in Bewegung. Da der Kreis aus 24 Städten und Gemeinden besteht, gibt es natürlich nicht den einen Weg zu mehr Jugendgerechtigkeit, sondern 24. Mit vielen Jugendämtern in den Gemeinden wurden bereits Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet. Die Kommunen werfen gemeinsam mit Jugendlichen und Jugendorganisationen einen Blick auf die Merkmale Jugendgerechter Kommunen und setzen sich eigene Plan- und Handlungsziele, um noch jugendgerechter zu werden. Damit ist definitiv der richtige Weg eingeschlagen worden.

Patrick Bessler: Dreieich hat jetzt ein Jugendparlament. Das heißt, die Kommune verfügt über ein Gremium, das speziell die Interessen von jungen Menschen in Dreieich vertritt. Das Jugendparlament verfügt über eine Satzung, welche von Politik und Verwaltung beschlossen ist. Diese Selbstverpflichtung gab es vorher nicht. Auch die Arbeit des Jugendparlamentes zeigt erste Früchte. Und Jugendliche fangen an, sich mit ihren Anliegen an das Jugendparlament zu wenden.

Martina Weise-Watzek: Unser Schwerpunkt des Wirkens lag vorerst auf einem Teilbereich des Landkreises. Aus unserer Sicht kann man die Frage mit ja beantworten. Der Fokus war und ist aber, ob das für die jungen Menschen im Landkreis spürbar ist? Der Landkreis Sömmerda hat durch eine effektive Verzahnung verschiedener Programme und Projekte aus der Jugendhilfe und angrenzender Fachbereiche nunmehr ein geeignetes Jugendbeteiligungsformat erarbeitet. Das Bewusstsein der verschiedenen Akteure hat sich hin zu mehr Jugendgerechtigkeit verändert. Jugendliche selbst sind wichtigster Akteur – um es mit den Worten eines Jugendlichen des Landkreises Sömmerda auszudrücken „das tragende Element“ im Prozess zu mehr Jugendgerechtigkeit.

Mit welchem Ziel ist Ihre Kommune 2015 in den Prozess gestartet? Konnten sie dieses Ziel erreichen?

Anja Greiner-Stöffele: Wir starteten gleich mit mehreren Zielen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Jugendliche mit ihren Belangen wahrgenommen und vorhandene Strukturen genutzt werden sollten. Durch die ressortübergreifende Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren sollten vorhandene Aktivitäten und Programme im Sinne einer jugendpolitischen Strategie gerahmt werden. Zudem war es uns wichtig, ein lokales Netzwerk von Verbündeten für den Weg zu mehr Jugendgerechtigkeit aufzubauen. Insbesondere die ehrliche Beteiligung der jungen Menschen selbst sollte im Mittelpunkt stehen. Uns ist alles gut gelungen, wenngleich der Weg dahin nicht ohne Hindernisse war.

Sven Hülskötter: Wir mussten schnell feststellen, dass es unmöglich ist, mit 24 Städten und Gemeindeverwaltungen gleich umzugehen und einheitliche Fahrpläne zu erstellen. Also wurde der Plan geändert und mit jeder einzelnen Gemeinde an individuellen Zielen gearbeitet. Es wurde aber erkannt, dass alle Gemeinden ein einheitliches Bedürfnis hatten – auf der einen Seite motivierte Jugendliche zu finden, die Lust haben, sich auf friedliche und demokratische Weise für ihre Bedürfnisse einzusetzen und auf der anderen Seite die Verwaltungen für das Thema Jugendgerechtigkeit zu sensibilisieren. So entstand die Idee eines kreisweiten einheitlichen Vorhabens welches im Anschluss an die Jugendgerechte Kommune starten wird.

Patrick Bessler: Die oben erwähnte Satzung des Jugendparlaments war schon verabschiedet, bevor Dreieich in den Prozess eingestiegen ist. Das Ziel des Prozesses war es, dafür zu sorgen, dass Jugendliche ihre neuen Rechte kennen und nutzen und in Politik und Verwaltung ein neues Bewusstsein für die Belange von Jugendlichen zu schaffen. In dieser Hinsicht konnten schon einige Erfolge verzeichnet werden. Dennoch ist der Prozess für uns noch längst nicht abgeschlossen.

Mit dem Prozessabschluss auf Bundesebene endet auch der regelmäßige Austausch unter den Referenzkommunen in den Peer-Learning-Seminaren. Was nehmen Sie aus den Treffen an Erkenntnissen mit?

Patrick Bessler: Die Seminare waren inhaltlich immer sehr interessant und hilfreich. Die vielen Fachvorträge und der Austausch mit den Teilnehmenden haben uns viele Ideen geliefert. Das Wichtigste allerdings war, dass die Treffen mit Jugendlichen und Fachkräften aus anderen Kommunen uns immer neuen Enthusiasmus mitgegeben haben.

Martina Weise-Watzek: Die wohl größte Erkenntnis ist, dass jede Kommune ihren ganz eigenen Weg hin zu mehr Jugendgerechtigkeit gehen muss. Insbesondere der Unterschied, ob eine Region ländlich strukturiert oder städtisch ist, spielt eine entscheidende Rolle in der Prozessgestaltung. Eine wichtige Erfahrung war zudem, dass das Maß und die Kontinuität an Einbeziehung von Jugendlichen, Fachkräften, Vertreter*innen aus der Verwaltung und von politisch Verantwortlichen auf diesem Weg entscheidend für den Erfolg sind. Je höher und kontinuierlicher die verlässliche Einbindung, umso größer der Erfolg. Nichtsdestotrotz boten die Peer-Learning-Seminare eine gute Gelegenheit den eigenen fachlichen Blick zu erweitern sowie immer wieder über den Tellerrand hinaus zu schauen und auch einfach neue Dinge im regionalen Prozess zu mehr Jugendgerechtigkeit mutig auszuprobieren – ohne gleich das Ergebnis vor Augen zu haben.

Sven Hülskötter: Ich denke der Austausch zwischen den Referenzkommunen und unter Fachkräften und unter Jugendlichen sowie im Plenum mit allen gemeinsam war ein Schlüssel zum Erfolg. Denn dort konnten Probleme genau analysiert werden, es fanden sich Mitstreiter, die dieselbe oder eine ähnliche Problematik hatten, und es wurden Lösungen gefunden. Dabei war es dann auch zunehmend egal ob man aus einem Kreis oder einer Großstadt kam oder ob der Seminartag eigentlich schon vorbei war.

Welchen guten Rat würden Sie/würdest du anderen Kommunen, die jugendgerechter werden wollen, geben?

Sven Hülskötter: Aus jugendlicher Sicht würde ich versuchen im Rat und in der Verwaltung erst einmal Fachkräfte zu motivieren und auf die eigene Seite zu ziehen bzw. ein Grundgerüst zu erstellen, denn nur so kann man langfristig Hilfe von ihnen erwarten und das Ganze kann Früchte tragen. Aus Sicht einer Kommune sollte das immer von „oben“ passieren, beziehungsweise sollte der/die Bürgermeister/in voll und ganz dahinterstehen, damit das Vorhaben die nötige Aufmerksamkeit bekommt, die Jugendgerechtigkeit ohnehin verdient hat!

Patrick Bessler: Fragt Jugendliche, was sie wollen. Beteiligt sie von Anfang an an eurem Prozess. Was ihr zurück bekommen werdet ist eine attraktivere, zukunftsfähigere Kommune.

Anja Greiner-Stöffele: Jugendliche auf Augenhöhe einbeziehen, jemanden haben, der nicht nur fachlich, sondern auch mit viel Herzblut den Prozess begleitet. Ein hohes Maß an Transparenz, Verlässlichkeit und eine ehrliche Kommunikation sind förderlich für den Prozess.

Jugendgerechte Kommunen nehmen sich vor, die Interessen und Bedürfnisse von Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen. Wie habt ihr als Jugendliche diese eingebracht? Was können andere Jugendliche von euren Erfahrungen lernen?

Sven Hülskötter: Am besten kann man seine Interessen persönlich vertreten, sprich in den jeweiligen Ausschüssen, Sitzungen oder bei den zuständigen Mitarbeitern. Ansonsten sind E-Mail, WhatsApp, Telefonate und Social Media immer gute Instrumente. Man darf sich von der Bürokratie und Rückschlägen nicht entmutigen lassen, muss beharrlich und nett bleiben und am besten immer Erklärungen verlangen, denn dann müssen sie sich damit beschäftigen und können Themen nicht ignorieren.

Als Fachkraft der Jugendhilfe sitzt man zwischen den Stühlen der jugendlichen und der erwachsenen Lebenswelten. Wie gehen Sie als Jugendarbeiter mit diesem Spannungsfeld um, Herr Bessler?

Patrick Bessler: Zunächst einmal vertrete ich die Interessen der Jugendlichen. Wenn es darum geht, in Verwaltung oder Politik Überzeugungsarbeit zu leisten, versuche ich persönlichen Kontakt zwischen jugendlichen Interessensgruppen und zuständigen Verwaltungskräften oder Politikerinnen/Politikern herzustellen. So erfahren alle Beteiligten aus erster Hand, was für die jeweilige Seite wichtig oder schwierig bei einem bestimmten Projekt ist.

Mit Jugendgerechtigkeit ist die Frage des ressortübergreifenden Handelns untrennbar verbunden – gleichzeitig ist das eine der größten Herausforderungen. Wo gelingt der Ressortübergriff bei Ihnen in Sömmerda, und welche Wege sind noch denkbar?

Martina Weise-Watzek: Gut gelingt die Ressortverschmelzung zwischen den Bereichen, wo junge Menschen ohnehin im Fokus der Bemühungen. Dort, wo der Bereich Jugend, Soziales und Schule der Verwaltung gut funktionierende Kooperationen aufwies bzw. aufbauen konnte, ist der Weg zu mehr Jugendgerechtigkeit geebnet. Wünschenswert sind sicherlich noch stärkere Verknüpfungen mit Ressorts, die Baumaßnahmen und den öffentlichen Personennahverkehr verantworten.

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