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Jugendstrategie 2015–2018

Mitreden, Mitgestalten, Mitentscheiden: Ein Interview mit László Boroffka und Caren Marks

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Jugendbeteiligung ist verbindlicher Bestandteil der Jugendstrategie, ganz nach dem Motto „Politik für, mit und von Jugendlichen“. Aber warum ist Jugendbeteiligung eigentlich wichtig? Und wie soll Partizipation praktisch funktionieren? Wir haben zwei Menschen, denen sehr viel an wirksamer Jugendbeteiligung liegt, um Antworten gebeten: László Boroffka,  Mitglied des Jugendparlaments in Dreieich und Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 

  • Jugendbeteiligung – was heißt das für dich?

László Boroffka: Jugendbeteiligung bedeutet für mich, dass Jugendliche aktiv in den demokratischen Entscheidungsprozess einer Kommune eingebunden werden. Dies kann beispielsweise durch Umfragen, auf eigene Initiative oder natürlich noch viel besser mit Hilfe eines eigens für die Jugend implementierten Gremiums, wie einem Jugendparlament, geschehen.

  • Mitreden, Mitgestalten, Mitentscheiden – was bedeutet das für Sie? 

Caren Marks: Diese drei M´s sind ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Arbeit. Und sie sind das Lebenselixier unserer Demokratie. Es ist für uns alle wichtig, sich zu beteiligen. Das muss nicht immer die große Politik sein, das fängt schon im Kleinen an, z.B. als Schülersprecher/-in oder Elternvertreter/-in in Kita oder Schule. Aber natürlich hat man in der Politik noch größere Möglichkeiten, Themen und Projekte mitzugestalten und voranzubringen. Es macht Freude und ist herausfordernd, sich auszutauschen und Dinge gemeinsam zu gestalten, zum Besseren zu wenden oder auch ganz neu zu entwickeln. Allerdings kommt man nicht umhin, dann auch das eine oder andere Mal Entscheidungen zu treffen, die vielleicht nicht alle zufrieden stellen. Auch das gehört zu meiner täglichen Arbeit.

  • Warum ist dir Jugendbeteiligung wichtig?

Boroffka:  Jugendbeteiligung ist - nicht nur für mich - so wichtig, da viele Jugendliche ebenso wie Erwachsene mündige Bürger sind und gleichermaßen Interessen haben, die es zu berücksichtigen gilt. Des Weiteren ist jede Gesellschaft zwangsläufig auf ihre Jugend angewiesen, wenn sie ihre Werte und Traditionen, aber auch sich selbst erhalten will. Für die Stadt bedeutet Jugendbeteiligung im Umkehrschluss, die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft zu sichern.

  • Wenn du an deine Erfahrungen mit Jugendbeteiligung zurück denkst – was war der schönste Moment?

Boroffka: Der schönste Moment in diesem Zusammenhang war bislang sicherlich die konstituierende Sitzung des Dreieicher Jugendparlaments. Denn durch Letzteres wird uns Dreieicher Jugendlichen eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten geboten, Kommunalpolitik aktiv mitzugestalten - Möglichkeiten, die nicht einmal jeder erwachsene Bürger der Stadt besitzt.

  •  Wenn Sie an Ihre Erfahrungen mit Jugendbeteiligung zurück denken – was war der schönste Moment?

Marks: Gemeinsam mit anderen Jugendlichen ein unabhängiges Jugendzentrum verwirklicht zu haben, war für mich der schönste Moment und eine prägende Erfahrung von gelungener Jugendbeteiligung. Jetzt sind für mich die schönsten Momente, wenn Jugendliche erleben, dass ihre Beteiligung sich lohnt, dass sie etwas verändern und bewirken können. Es ist schön zu wissen, dass diese Erfahrung ein Leben lang prägt – ein Gewinn für das eigene Leben und die Gesellschaft.

  • Die zentralen Themen der Jugendlichen – was bewegt die Jugend bei euch in Dreieich?

Boroffka: Am meisten bewegt die Dreieicher Jugend sicherlich ihre Freizeit. Neben der Schule muss der Jugend verständlicherweise Raum gegeben werden, sodass jeder seine Persönlichkeit frei entfalten kann. Auch wenn das Freizeitangebot in Dreieich sehr vielfältig und flächendeckend erscheint, gibt es noch einige Aufgaben, die in diesem Bereich auf uns zukommen werden. Zentrales Thema im Jugendparlament ist jedoch aktuell die Beteiligung der Jugendlichen an Entscheidungen der Stadt. Wir wollen, dass unsere Stimme gehört wird, dass wir als anerkanntes Gremium integriert und gefragt werden. Und nach diesen Zielen richtet sich aktuell unser Schwerpunkt.

  • Was würden Sie sagen, sind zentrale Anliegen der Jugendlichen?

Marks: Das Wichtigste für die Jugendlichen ist nach meiner Erfahrung zunächst einmal, dass sie und ihre Anliegen angehört und ernst genommen  werden – und dann im Rahmen des Möglichen umgesetzt werden. Und die Erfahrung aus unseren vielen Projekten zeigt mir, dass das berechtigt ist. Denn: Die Vorschläge von Jugendlichen decken sich oft mit denen von Expert/-innen und sie haben auch zu vermeintlich nicht so gängigen Themen tolle Ideen.
Unsere vielen Jugendprojekte haben gezeigt, dass den Jugendlichen die Themen Digitalisierung (Stichwort Breitbandausbau, Medienkompetenz, Datenschutzfragen) und Mobilität besonders wichtig sind. Aber auch die Integration von (jungen) Geflüchteten, Bildungs- und Ausbildungsfragen, die Förderung von Ehrenamt und ein gutes Familienleben sind ihnen wichtige Anliegen.

  • In Sachen Jugendbeteiligung klappt ja nicht immer alles so wie man es sich vorher ausgemalt hat: Gab es auch schon einmal eine Situation, in der etwas ganz anders kam, als du es erwartet hast und als Sie es erwartet haben? Wie bist du und sind Sie damit umgegangen?

Boroffka:  Bislang funktioniert die Jugendbeteiligung in Dreieich verhältnismäßig gut; immerhin haben wir bereits ein Jugendparlament. Doch ebenso müssen wir der Tatsache ins Auge blicken, dass wir als Jugendparlament noch nicht in den Köpfen sowohl der anderen Jugendlichen als auch der Kommunalpolitik angekommen sind. Wie wir damit umgehen? Um auf uns aufmerksam zu machen, haben wir Briefkästen in fast allen Dreieicher Schulen angebracht, in denen Anregungen und Beschwerden anderer Jugendlichen eingehen können. Wir werden uns außerdem bei einer kommenden Stadtverordnetenversammlung vorstellen, um auch den Kommunalpolitikern zu zeigen: Wir sind da, um mitzugestalten.

Marks: Ich erfahre immer wieder, dass Jugendparlamente keine Selbstläufer sind. Ohne Begleitung und wirkliche Beteiligungsformate, durch die die Jugendlichen an der „echten“ Kommunalpolitik teilhaben können, laufen sie ins Leere. Geringe Wahlbeteiligung und zu wenige Kandidat/-innen sind häufig die Folge, führen zu Frustration und letztlich zur Auflösung eines Jugendparlaments. Diese negativen Erfahrungen bremsen Jugendbeteiligung aus. Es bedarf einer Aufarbeitung einer solchen Entwicklung. Klar sein muss – nicht die Jugendlichen sind gescheitert, vielmehr wurden sie nicht ernst genommen. Deshalb: Jugendparlamente sind gut, wenn die fachliche Begleitung stimmt und es echte Entscheidungsmöglichkeiten gibt.

  • Wer hat dich bisher unterstützt, wenn es um Jugendbeteiligung in Dreieich ging?

Boroffka: Wenn es um Jugendbeteiligung geht, haben mich bis jetzt vor allem die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendförderung Dreieich unterstützt. Denn obwohl unsere Stadt in einer finanziell schwierigen Lage steckt, haben sie und einige andere Vorreiter das Projekt des Dreieicher Jugendparlaments erst ermöglicht. Natürlich sind auch der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Dreieich dafür verantwortlich, die sich mit großer Mehrheit für die Einrichtung eines solchen Gremiums ausgesprochen haben. Nicht zuletzt aber sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Koordinierungsstelle “Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ eine große Hilfe gewesen, um unsere Ideen zu kanalisieren und werden hoffentlich auch in der Zukunft dabei helfen, eben diese umzusetzen.

  • Die Jugendstrategie des Bundesjugendministeriums sieht die Eigenständige Jugendpolitik als ressortübergreifende Aufgabe in Bund, Land und Kommune. Welche Strukturen sind Ihres Erachtens am wichtigsten, um gute Jugendbeteiligung langfristig zu verankern?

Marks: Echte Partizipation – das ist in der Tat ein Grundgedanke der neuen Jugendstrategie. Das Politikmachen verändert sich durch die Beteiligung von jungen Menschen. Die Jugend macht die Gremien nicht nur jünger sondern erweitert auch die Horizonte der Politik. Es geht ganz konkret um den Alltag der Jugendlichen. Sie machen mit, wenn sie den Eindruck haben: „Das hat was mit mir zu tun, das geht mich etwas an.“ Und das passiert eben häufig direkt im Lebensumfeld. 

So stehen bei der Umsetzung der Jugendstrategie Maßnahmen vor Ort im Mittelpunkt. Dabei ist die Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ für uns ein wichtiger Gestaltungspartner. Die Koordinierungsstelle arbeitet mit Akteuren der Jugendpolitik zusammen und sorgt für deren Vernetzung. Unter anderem begleitet und vernetzt sie 16 Kommunen auf dem Weg zu mehr Jugendgerechtigkeit und entwickelt eine Werkzeugbox „Jugend gerecht werden“ für Politik, Fachkräfte und Jugend vor Ort.

Ein weiterer Baustein ist die Entwicklung eines Jugend-Checks, mit dem Maßnahmen des Bundes auf ihre Vereinbarkeit mit den Belangen der jungen Generation überprüft werden sollen. Es geht darum, für die Auswirkungen von beispielsweise Gesetzen auf die Lebenslagen junger Menschen zu sensibilisieren und diese Auswirkungen darzustellen. 

Durch das Gemeinschaftsprojekt „jugend.beteiligen.jetzt – für die Praxis digitaler Partizipation“ (realisiert durch eine Trägergemeinschaft aus DBJR, DKJS und IJAB) soll Jugendbeteiligung leichter werden, Tools und Themen bekommen einen gemeinsamen Ort. Die Plattform spricht Menschen an, die Jugendbeteiligungsprozesse initiieren wollen, auf Bundes-, Landes- und insbesondere kommunaler Ebene. Jugendliche und erwachsene Multiplikator/-innen können sich mithilfe des Angebots informieren, vernetzen und weiter qualifizieren, um Jugendbeteiligung voran zu bringen, zu stärken und auch neu zu initiieren. Vorangegangene Initiativen zu ePartizipation haben gezeigt, dass die Stärkung von Multiplikator/-innen erfolgversprechend ist, gerade um bislang beteiligungsunerfahrene Jugendliche zu erreichen. Neben Fachkräften der Jugendhilfe, der Jugendverbände, der Jugendarbeit, aus Verwaltung und Politik sind auch motivierte und engagierte Jugendliche Zielgruppe der Plattform, um anschließend ihre jugendlichen Peers ins Boot zu holen und für mehr Beteiligung zu begeistern.

  • Wenn du dir etwas in Bezug auf kommunale Jugendbeteiligung wünschen dürftest – was wäre das?

Boroffka: Zu allererst einmal ist das natürlich die Steigerung der Popularität unseres neu gegründeten Jugendparlaments und – was damit einhergeht – dass wir tatsächlich zu Themen befragt und angehört werden, die uns betreffen. Für die Zukunft wünsche ich mir weiterhin, dass wir das Interesse für Jugendbeteiligung unter Gleichaltrigen noch weiter steigern können, sodass unsere Stimme letztlich auch wirklich ins Gewicht fällt.

  • Wenn Sie sich etwas in Bezug auf kommunale Jugendbeteiligung wünschen dürften – was wäre das?

Marks: Toll wäre es, wenn überall auf kommunaler Ebene strukturelle Jugendbeteiligung fest verankert wäre und die Jugendlichen bei allen sie betreffenden Maßnahmen beteiligt würden. Wichtig ist, dass Jugendliche gehört werden und ihre Meinung mit in die Entscheidungsfindung einfließt. Vorstellbar wäre auch ein „Jugendbudget“, in dessen Rahmen Jugendliche selbstverantwortlich Geld für kommunale Jugendprojekte ausgeben können. 

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