Position
Home > Eigenständige JugendpolitikOffene Kinder- und Jugendarbeit in der Pandemie

(30.01.2021) Mit 5 Thesen möchte der Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit mit der BAG Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen zur Diskussion über die Herausforderungen in der Corona-Pandemie anregen.

Ein Schild mit dem Hinweis, dass der Platz aufgrund von Corona gesperrt ist. Ein Schild mit dem Hinweis, dass der Platz aufgrund von Corona gesperrt ist.
Foto: C. Schwarz via unsplash

Die vorliegenden Thesen sind unter anderem auf der Tagung „Zwischen Digitalisierung und Präsenz – auf der Suche nach dem Profil der OKJA“ entstanden, die der Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit (KV OKJA) gemeinsam mit der BAG Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen (BAG OKJE) im Dezember 2020 als Online-Treffen veranstaltet hat und an der über 100 Fachleute des Arbeitsfeldes aus dem ganzen Bundesgebiet beteiligt waren. Die Thesen sollen zur Diskussion insbesondere auf der lokalen Ebene beitragen. Sie stellen dementsprechend eine Momentaufnahme in den sich schnell verändernden Rahmenbedingungen der Corona-Pandemie dar und sind im Kontext regionaler und lokaler Gegebenheiten ggf. unterschiedlich zu betrachten. Die Thesen lauten wie folgt:

  • Junge Menschen sind Bürger*innen, nicht nur Schüler*innen

Der Blick auf junge Menschen hat sich in der Corona-Pandemie weiter verengt: Sie werden überwiegend auf ihre Rolle als Schüler-/innen und zukünftige Arbeitnehmer/-innen reduziert. Andere, jugendspezifische Interessen, Bedürfnisse und Themen treten noch mehr in den Hintergrund als schon vor der Pandemie. Der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kommt vor diesem Hintergrund die Aufgabe zu, dafür Sorge zu tragen, dass auch andere Bedarfe und Lebensbereiche junger Menschen wahrgenommen werden und dass Kinder und Jugendliche eine Stimme in ihren Kommunen haben, auch wenn es um Corona-Auflagen geht.

  • Jugendhäuser als Freiräume offenhalten

Junge Menschen brauchen unverzweckte Freiräume. Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sind Synonyme für solche Freiräume. Sie eröffnen jungen Menschen Handlungs-, Erfahrungs- und Entscheidungsräume für Peers (Freunde und Freundinnen, ...) und eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Diese sind gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Autonomie, das Fehlen von Lernanforderungen, die von Erwachsenen gesetzt werden und die Abwesenheit von Kontrollpersonen. Während die Bundesregierung die im 15. Kinder- und Jugendbericht formulierte Bedeutung solcher Freiräume für den Prozess des Heranwachsens unterstrichen hat, werden diese Räume aktuell erheblich eingegrenzt.

  • Digitalisierung Offener Kinder- und Jugendarbeit durch die Hintertür

Während der Kontaktbeschränkungen machte sich die OKJA offensiv in die virtuellen Lebenswelten junger Menschen auf. Dabei zeigte sie sich sehr experimentierfreudig, kreativ, lernbereit und netzwerk-orientiert. Die OKJA erschloss sich zunehmend mehr das Terrain der Kommunikation und Vergemeinschaftung im virtuellen Raum. So hat die Corona-Pandemie die Digitalisierung Offener Kinder- und Jugendarbeit vorangetrieben. Allerdings wurden vielfach mangelnde technische Ausstattung und verbreitet fehlende oder sehr eng ausgelegte Datenschutz- und Sicherheits-Standards sowie einengende arbeitsrechtliche Regelungen zutage befördert. Außerdem wurde deutlich, dass sowohl der Aufbau von kritisch reflektiertem medienpädagogischem Know-how, die Erarbeitung von Konzeptionen für eine virtuelle Offene Kinder- und Jugendarbeit und deren Einbettung in die „analoge“ und aufsuchende Arbeit erst am Anfang stehen und vorangetrieben und intensiviert werden müssen.

  • Demokratische Räume der Auseinandersetzung erhalten

Räume und Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit werden durch junge Menschen mitbestimmt und mitgestaltet. Die OKJA bietet Gelegenheiten zur Selbstorganisation und bildet durch ihre Strukturmerkmale einen Rahmen für die demokratische und diskursive Aushandlung unterschiedlicher Interessen. Die jungen Menschen erfahren und erleben hier Grundsätze eines demokratischen Gemeinwesens: Selbstbestimmung und Mitbestimmung, aber auch Rücksichtnahme, Interessensausgleich, eine friedliche und konstruktive Konfliktlösung sowie die Verantwortungsübernahme für sich selbst und das Engagement für andere. Gerade jetzt, wenn die Corona-Pandemie dazu führt, dass Freiheitsrechte und demokratische Mitbestimmungsrechte der Bürger/-innen eingeschränkt werden und ein wachsender Rechtspopulismus sichtbarer wird, braucht es auch die OKJA, damit junge Menschen als Demokrat/-innen aufwachsen können.

  • Den gesellschaftlichen Beitrag Offener Kinder- und Jugendarbeit markieren

Angesichts finanzieller Engpässe in den Kommunen, die sich durch die Corona-Pandemie verschärfen werden, ist die OKJA einmal mehr und dringend aufgefordert, ihren Beitrag deutlich zu machen, den sie für ein Aufwachsen junger Menschen und damit für Gesellschaft leistet. Sie ermöglicht in mehrfacher Hinsicht Gelegenheiten zur Demokratiebildung, aktuell zum Beispiel, indem sie junge Menschen in der Pandemie nicht alleine lässt und dafür Sorge trägt, dass ihre Bedürfnisse und Interessen gehört werden. Nur eine Gesellschaft, die die Perspektiven junger Menschen wahr und ernst nimmt, wird auch von den jungen Menschen als relevant für ihr Leben erfahrbar.

Quelle: Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit und BAG Offene Kinder- und Jugendeinrichtungen e.V. , 2021