Interview
Home > Eigenständige Jugendpolitik17. DJHT: "Für eine kinder- und jugendgerechte Gesellschaft"

Die Vorsitzende der AGJ, Prof. Dr. Karin Böllert, berichtet im Interview über die aktuellen kinder- und jugendpolitischen Herausforderungen und betont den Anspruch an die Kinder- und Jugendhilfe, eine sozial gerechte Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

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Bild: AGJ e.V.

Perspektiven für eine kinder- und jugendgerechte Gesellschaft – ein Gespräch zum 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag
Der 17. Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag steht unter dem Motto „Wir machen Zukunft – jetzt!“. Die Vorsitzende der AGJ, Prof. Dr. Karin Böllert, spricht über die aktuellen kinder- und jugendpolitischen Herausforderungen und betont den Anspruch an die Kinder- und Jugendhilfe, als Anwältin für junge Menschen soziale Ungerechtigkeiten zu benennen und stets eine sozial gerechte Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Frau Prof. Dr. Böllert, welchen Beitrag leistet die Jugendhilfe, um allen Kindern und Jugendlichen gute Startbedingungen und gleiche Lebenschancen zu ermöglichen? Wie kann sie Perspektiven auf ein gelingendes Leben eröffnen und wo muss sie noch nachlegen?
Die Jugendhilfe kennt sich gut aus mit der Vielfalt in unserer Gesellschaft, mit der Pluralität von Lebensstilen, aber auch mit der Ungleichheit von Chancen. Sie weiß, dass Erziehung, Betreuung, Bildung, Beziehungen und Partizipation die entscheidenden Schlüssel für gelingende Entwicklungs- und Bildungsbiographien sind. Dabei ist die Jugendhilfe immer in der Pflicht, die eigenen Angebote kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob sie der Vielfalt ihrer Adressat*innen gerecht wird und allen jungen Menschen gesellschaftliche Teilhabe eröffnen kann. Das kann Jugendhilfe nicht alles alleine leisten. Für eine ganzheitliche Förderung und Unterstützung der jungen Menschen sind Kooperation und Vernetzung der Angebote der Jugendhilfe mit anderen Leistungsträger*innen zentral. In diesem Zusammenhang geht es z. B. darum, die bereits vorhandenen inklusiven Qualitäten der Jugendhilfe zu vertiefen und auszubauen. Nicht zuletzt hierfür braucht die Jugendhilfe vielfältige Kompetenzen und multiprofessionelle Teams. Fachkräfte der Jugendhilfe brauchen Rahmenbedingungen und kollegiale Freiräume in ihrer Arbeitsplatzgestaltung, um das eigene Handeln und die professionelle Haltung kritisch reflektieren zu können.

Die AGJ fordert: Die Jugendhilfe muss besser werden, als sie ist, um sich wirkungsvoll für positive Lebensbedingungen junger Menschen und ihrer Familien einsetzen zu können – was heißt das konkret?
Das Motto Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung ist für die Jugendhilfe schon länger eine Selbstverständlichkeit. Jetzt seit der Pandemie wissen auch andere: Jugendhilfe ist unverzichtbar, um allen jungen Menschen ein gelingendes Aufwachsen zu ermöglichen. Dabei ist die Jugendhilfe nicht nur in ihrer Arbeit mit jungen Menschen gefordert, sondern auch politisch: Als Anwältin für junge Menschen und ihre Familien muss sie soziale Ungerechtigkeiten benennen und die gesamte Gesellschaft in die Verantwortung nehmen, eine kinder- und jugendgerechte und familienfreundliche Gesellschaft zu entwickeln. Dabei muss die Jugendhilfe sich auch den unbequemen Fragen nach Qualität und Wirkung ihres eigenen Handelns stellen, damit wir unseren hohen eigenen fachlichen Ansprüchen genügen und den Preis für unsere Qualität glaubwürdig aufrufen können. Ist es der Jugendhilfe bspw. gelungen, trotz der zahlreichen Einschränkungen in Coronazeiten für alle jungen Menschen und ihre Familien erreichbar zu bleiben? Welche jungen Menschen und Familien sind vom Radar der Kinder- und Jugendhilfe verschwunden und welche Bedingungen benötigen wir, um wieder allen, die es wollen, ein Angebot machen zu können?

Die Corona-Pandemie hat den ohnehin starken Trend zu einer engeren Vernetzung der digitalen und analogen Lebenswelten Jugendlicher beschleunigt. Was heißt das für die Jugendhilfe?
Zunächst ist die Jugendhilfe gefordert, Jugendliche und ihre Familien beim Erwerb von Medienkompetenzen zu unterstützen, damit sich Jugendliche einerseits ebenso im digitalen wie im analogen Raum bewegen können, dabei aber andererseits die kritische Auseinandersetzung mit dem digitalen Raum erleben und erlernen. Dafür ist es unerlässlich, dass die Jugendhilfe auch in der digitalen Lebenswelt von Jugendlichen und ihren Familien präsent ist. Dies erfordert die Nutzung digitaler Medien und die Schaffung technischer Voraussetzungen und Kompetenzen bei den Fachkräften.
Soziale Ungleichheiten werden auch im digitalen Raum reproduziert. Hier ist die Jugendhilfe gefordert, den „digital divide“ im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu bekämpfen. Bei allem, was ich bisher genannt habe, fällt sofort auf, dass jede Menge Fragen rund um das Thema Datenschutz zu beantworten sind. Die Nutzer*innen der Jugendhilfe müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Daten sicher vor unbefugtem Zugriff sind – auch vor anderen staatlichen Stellen. Die Jugendhilfe ist – genau wie die Gesellschaft – in einem Prozess der digitalen Transformation. Digitalisierungsstrategien müssen daher kontinuierlich aktualisiert und weiterentwickelt werden und auf die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Letztendlich brauchen wir aber nicht nur einen Digitalpakt für die Schule, auch der Kinder- und Jugendhilfe müssen entsprechende Möglichkeiten im Rahmen eines Digitalpaktes Jugendhilfe zur Verfügung gestellt werden.

Die Jugendhilfe will sich für demokratische Bildung starkmachen. Was heißt das im Jahr 2021, nach einem Jahr Pandemie und völlig veränderten Rahmenbedingungen für die Jugendhilfe? Und welche Impulse gibt dafür der 16. Kinder- und Jugendbericht?
Die Jugendhilfe schafft idealerweise Orte, an denen junge Menschen nicht einfach nur Angebote konsumieren, sondern an denen sie aktiv zur Mitwirkung und Mitgestaltung eingeladen sind. Die Jugendhilfe unterstützt zudem die wichtigen Prozesse der Selbstpositionierung Jugendlicher, welche eine zentrale Herausforderung des Jugendalters sind. Nicht zuletzt ist es Aufgabe der Jugendhilfe, auch die Selbstorganisation Jugendlicher zu befördern.
Der 16. Kinder- und Jugendbericht hat die Bedeutung politischer Bildung unterstrichen: Sie muss integraler Bestandteil jeder Jugendpolitik sein und lebt von echten Partizipationserfahrungen. Sie muss die Bedingungen des Aufwachsens in den Mittelpunkt stellen, alle politischen Ebenen – vom Bund bis zu den Kommunen – tragen Verantwortung dafür, dass in der Jugendarbeit politische Bildung von, für und mit jungen Menschen stattfinden kann. Jugendpolitisch kann die Jugendhilfe so einen positiven, solidarischen Beitrag zum Abbau sozialer Ungleichheiten leisten, auch wenn sie alleine soziale Gerechtigkeit nicht herstellen kann. Damit ihr all dies gelingen kann, braucht es eine bessere Arbeitsmarktpolitik, die soziale Berufe aufwertet – und zwar spürbar, mit besserer Bezahlung und finanzieller Ausstattung, nicht nur mit Applaus. Wertschätzung braucht es dabei nicht nur für die Hauptamtlichen, sondern auch für die vielen unverzichtbaren Ehrenamtlichen, welche die Jugendhilfe in vielen Aspekten mit ihrem Engagement prägen.

…wie geht die Jugendhilfe mit der Aufgabe um, jungen Menschen den Blick über den eigenen Tellerrand zu ermöglichen und die Begegnungen mit dem Rest der Welt zu unterstützen?
Die Jugendhilfe ist ein Ort, der Jugendlichen ermöglichen kann, neue internationale Lebens- und Erfahrungswelten zu entdecken. Dies wird in der global verflochtenen Welt immer wichtiger und sollte eine Option für alle jungen Menschen sein. Da internationale Begegnungen in der Jugendarbeit mit hohem logistischem Aufwand verbunden sind, braucht es stabile Netzwerke, ein länder- und ressortübergreifendes Denken der Verantwortlichen und ein noch aktiveres Bekenntnis der Jugendhilfe zu Europa. Die Jugendhilfe muss ihren Beitrag dazu leisten, allen jungen Menschen in Deutschland europäische Mobilität zu ermöglichen. Nicht zuletzt können auch die Fachkräfte in der Jugendhilfe vom europäischem Erfahrungsaustausch profitieren.

Karin Böllert (AGJ)

Zur Person
Prof. Dr. Karin Böllert ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ und ist Hochschullehrerin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.